Die zweite Belagerung Wiens als Teil des großen Türkenkrieges

Titel: Die zweite Belagerung Wiens als Teil des großen Türkenkrieges
Autor: Dr. Lothar Schimmelpfennig
Inhalt: Der Artikel erzählt die Begebenheiten während der zweiten Belagerung Wiens und stellt die verschiedenen Vorgehensweisen dar. Ebenso wird beschrieben wie Oberleutnant Georg Rimpler, Feuerwerker, Mineur und oberster Festungsbauer Wiens durch geschicktes Handeln zum Erfolg beitrug.
Seiten: 30
Download:  Zum Artikel

 

Die zweite Belagerung Wiens als Teil des großen Türkenkrieges (1683-1699)

Die Zweite Belagerung Wiens durch die Türken war ein erfolgloses Unternehmen des Osmanischen Reiches. Die Erste Belagerung Wiens fand ebenso erfolglos 1529 statt. Die Zweite Belagerung dauert vom 14. Juli bis zum 12. September 1683. Verteidigt wird Wien, die damalige Residenzstadt des römisch-deutschen Kaisers, durch Truppen des Heiligen Römischen Reiches, Polen-Litauens, der Republik Venedig und des Kirchenstaates. Ludwig XIV. von Frankreich, der Sonnenkönig, hält sich raus. Nach zahlreichen fehlgeschlagenen Eroberungsversuchen und der abschließenden Schlacht am Kahlenberg ziehen sich die Truppen des Osmanischen Reiches zurück.

Für den Feuerwerker und werten Leser ist die Geschichte dieser Belagerung interessant, weil der intensive Minenkrieg sogar als Angriffskrieg geführt, hier eine besondere Bedeutung hat.

Nahe dem Türkenschanzplatz im 18. Wiener Bezirk erinnert die Rimplergasse an den

Feuerwerker, Mineur und obersten Festungsbauers Wiens
Oberstleutnant Georg Rimpler.

Belagerung WiensDie Belagerung Wiens (zeitgenössisches Gemälde)

Die Protagonisten

Der militärische Befehlshaber des Osmanischen Reiches mit seinen Vasallen Siebenbürgen, Walachei, Moldau und Khanat der Krim ist der Großwesir Kara Mustafa Pascha. Er verfügt über zirka 168.000 Soldaten und einen enormen Troß incl. persönlichem Harem. Insgesamt sind es über 200.000 Menschen. In seinem Lager vor Wien stehen über 25.000 Zelte. Seine eigene Zeltstadt gleicht einem Palast. Die Verluste der Osmanen werden auf 30 – 50.000 Mann geschätzt. Kara Mustafas Herr ist der Sultan Mehmet IV.

 osmanische ReichDas osmanische Reich um 1683

Die Führer der „Heiligen Römischen Allianz“ sind Graf Ernst Rüdiger von Starhemberg als Kommandeur der kaiserlichen Truppen und König Johann III. Sobieski von Polen als Befehlshaber des Entsatzheeres. Die Stadt Wien hat bis zu 30.000 Mann Besatzung. Davon sterben an Hunger und Krankheiten einige tausend Mann. Die Stärke des Entsatzheeres zählt zirka 70.000 Mann. Die Gesamtverluste betragen zirka 15.000 Mann.

Kaiser Leopold I.Kaiser Leopold I.

Kara Mustafa PaschaKara Mustafa Pascha

Die Lage

Die Expansionspolitik der Osmanen hatt1683 ihren Höhepunkt erreicht. Der größte Teil des Königreichs Ungarn unterliegt ab 1541 der osmanischen Kontrolle, teils direkt (Zentralungarn), teils als Vasall (Fürstentum Siebenbürgen). Die unterworfenen ungarischen Gebiete liefern, vertraglich verpflichtet, Geld und Truppen. Wien wird von den Osmanen der Goldene Apfel genannt. Dieser ist nun zum Pflücken nah.

1672 überfallen die Osmanen die damals zu Polen-Litauen gehörende östliche Ukraine, erobern die Festung Kamieniec Podolski und stoßen bis Lemberg in Galizien vor. Die durch innere Konflikte zerrissene, besonders durch die Kriege der „Blutigen Sintflut“ (die Nordischen Kriege zwischen Polen-Litauen gegen Schweden und Russland) zerrüttete und militärisch beträchtlich geschwächte polnische Aristokratische Republik schließt im Vertrag von Buczacz einen Vorfriedensvertrag. Die Polen verpflichten sich, Podolien mit Kamieniec Podolski sowie die östliche Ukraine an die Soporoger Kosaken unter Hetman Doroschenko als osmanischen Vasallen abzutreten. Zusätzlich ist ein jährlicher Tribut an den osmanischen Sultan zu leisten. Der polnische Reichstag verweigert jedoch die Ratifizierung dieses Vertrages. Der Krieg bricht erneut aus. 1673 führt Marschall Johann III. Sobieski (König ist er ab 1674) ein Heer gegen die Osmanen und schlägt sie bei Chotyn vernichtend.

Dennoch setzt sich der Krieg in unverminderter Härte fort. 1676 werden im Vertrag von Zurawno bessere Bedingungen für Polen ausgehandelt. Aber die Osmanen bleiben eine ständige Bedrohung.

Das „Heilige Römische Reich“ unter dem Habsburger Kaiser Leopold I. ist durch seine Religionskriege, den Dreißigjährigen Krieg und die Pest-Epidemie von 1679 sehr geschwächt. In Ungarn und der Slowakei haben die katholischen Habsburger den protestantischen Adel stark unterdrückt. Dieser erhebt sich schließlich 1678 – 1682 im Kuruzen-Aufstand unter der Führung von Emmerich Thököly gegen den Kaiser. Durch den Osmanisch-Polnischen Frieden sieht sich Habsburg im Zweifrontenkrieg gegen Frankreich unter Ludwig XIV. im Westen und den Osmanen unter Sultan Mehmet IV. im Südosten.

Die strategische Bedeutung Wiens

Wiens wirtschaftliche Bedeutung erklärt sich in seiner Lage am Schnittpunkt zweier wichtiger Handelswege, der Donau und der Bernsteinstraße. Wien ist vor dem angrenzenden, durch ausgedehnte Ebenen geprägten Ungarn nur schwer zu verteidigen. Vom Heiligen Römischen Reich ist es durch die schwer passierbare Donau militärisch nur schwer zu unterstützen. Die Stadt verfügt aber über eine eigene, große Donauflotte, die eigenen Nachschub und den Transport schwerer Artillerie ermöglicht. Die Stadt gilt als christlicher Vorposten durch seine Lage zwischen den Alpen und den Karpaten. Die Osmanen sehen den Goldenen Apfel als Tor zu Westeuropa.

Die Festung Wien

Nach der Ersten Türkenbelagerung 1548 werden die Stadtmauern, die 1194 aus den Lösegeldern für Richard Löwenherz finanziert wurden, auf den aktuellen militärischen, nämlich italienischen Standard gebracht. Nach dem Dreißigjährigen Krieg wird die Festung aus der altitalienischen Manier in die neuitalienische Manier erweitert. Damit wird der Entwicklung der Waffentechnik und dem Erscheinen von Bronzekanonen auf dem Schlachtfeld Rechnung getragen. An der besonders kritischen Stelle zwischen Schottenbastei und Augustinerbastei, in der der Graben nicht mit Wasser gefüllt ist, errichtet man vier Ravelins (selbstständige Werke vor der Bastei), die bis 1672 fertig gebaut werden. Die Kontereskarpe (Minengänge in Feindrichtung) als vorderer Rand des Grabens wird mit einem gedeckten Weg ausgebaut. Die Mauern sind bis zu 16 Meter hoch, die Gräben bis zu 20 Meter breit.

Die Burgbastei (der linke Flügel der Verteidiger, der rechte Flügel der Angreifer) ist ein regelmäßiges Viereck mit je neun Kanonen. Sie verfügt über keine Minenanlage (mehrere Konereskarpen). Hinter der Bastei befindet sich der Kavalier (die Spanierbastei), eine überhöhte Artilleriefestung.

Die Löwelbastei (der rechte Flügel der Verteidiger, der linke Flügel der Angreifer) ist kleiner als die Burgbastei, und der dahinter liegende Kavalier, genannt die „Katze“ nimmt enorm viel Platz ein.

Die über 200 Meter lange Stadtmauer zwischen den Basteien ist zu lang für einen wirksamen Kartätscheneinsatz. Dazu kommt, dass der Ravelin etwas zu weit in den Graben vorgeschoben und etwas zu hoch gebaut ist, so dass der Artilleriebeschuss vom Graben aus hinter dem Ravelin von den Basteien nur eingeschränkt möglich ist. Die ersten Häuser der Vorstadt sind nur 200 Meter von der Stadtmauer entfernt, außerdem kann das Glacis (Erdanschüttung vor dem Graben) in den letzten Tagen vor der Belagerung nicht mehr eingeebnet werden.

Nur durch die Erstürmung der Linie Burgbastei / Löwelbastei kann Wien genommen
werden. Denn ansonsten ist Wien durch die Donau und Gräben von Wasser umgeben.
Dort können die Mineure nicht ansetzen.

Im Minenkrieg um Wien sind die Osmanen mit 5.000 Mineuren eindeutig im Vorteil. Sie haben nicht nur mehr Material und Personal, sondern auch mehr Erfahrung im Minenkrieg. 1682, nach Scheitern der Friedensverhandlungen zwischen Kaiser Leopold I. und den Osmanen, wirbt der Kaiser den Festungsbaumeister und Feuerwerker Georg Rimpler an. Er stellt ihn als Ingenieur und Oberstleutnant in Dienst. Georg Rimpler verstärkt die Kontereskarpe, baut zwischen dem Ravelin und den Basteien Kaponniere (frei im Graben stehendes Werk, von dem der Graben unter Feuer genommen wird) und hinter ihnen an der Kehle zwischen Kurtine und Bastei wird der Niederwall angelegt. Er läßt Palisaden vor dem Gedeckten Weg aufstellen und empfiehlt das Ausheben einer Künette (eingetiefter nasser oder trockener Graben) im Graben. Er erkennt richtig, dass zwischen Burg- und Löwelbastei der Hauptangriff der Osmanen erfolgen wird. Er stellt Bergleute aus Tirol, Niederlande und Lothringen zu diesem schwierigen Dienst ein. Auch werden anfangs Frauen eingesetzt.

befestigte Wien 1683Das befestigte Wien 1683

Die politischen und militärischen Bündnisse zur Vorgeschichte

Am 10. August 1664 schließen Kaiser Leopold I. und der Großwesir Ahmed Köprülü in Eisenburg / Vasvár einen zwanzig Jahre währenden Friedensvertrag. Eine Verlängerung des Friedensvertrages kommt 1682 nicht zustande. Am 26. Januar 1683 schließt Leopold I. ein Defensivbündnis mit Bayern gegen Frankreich und das Osmanische Reich. Am 31. März sammelt sich die Osmanische Armee bei Adrianopel (Edirne) mit 168.000 Mann und 300 Geschützen. Am selben Tag gelingt es Papst Innozenz XI., den polnischen König Jan Sobieski und Kaiser Leopold I. zu einem Defensivbündnis zu überreden. Innonzenz XI. unterstützt das Bündnis und den Kampf gegen die Osmanen mit 1,5 Millionen Gulden.

So lautet der Vertrag:

1. Der Heilige Römische Kaiser soll jährlich während des Türkenkrieges 60.000 Mann und die Krone Polens 40.000 Mann stellen.
2. Wenn der König von Polen selbst am Krieg teilnimmt, übernimmt er die Führung der Truppen.
3. Gegenseitiger Beistand bei der Belagerung von Krakau oder Wien.
4. Beide Seiten sollen christliche Verbündete suchen und diese in die Allianz einladen.
5. Der Kaiser zahlt an die polnische Krone 200.000 Reichstaler.
6. Alle Steuern (300.000 Reichstaler) der venetianischen Kirchen in der Lombardei werden für ein Jahr als Sold der polnischen Soldaten für den Türkenkrieg verwendet.
7. Der Kaiser übernimmt alle Schulden der Polen gegenüber Schweden aus dem letzten schwedischen Krieg und verzichtet auf alle Schulden gegenüber Österreich.
8. Kein Allianzpartner macht ohne Einverständnis des anderen Waffenstillstand oder Frieden mit den Türken.
9. Seine kaiserliche Majestät, die Krone Polens und die Kardinäle Pio und Barberini schwören einen heiligen Eid auf diesen Vertrag.
10. Von beiden Seiten sollen kriegskundige Ratgeber abgestellt werden, die der anderen Seite die Notwendigkeit zur Aufstellung eines Heeres übermittelt.
11. Eroberte Gebiete in Ungarn gehören seiner kaiserlichen Majestät, eroberte Gebiete in der Walachei und der Ukraine gehören Polen.
12. Diese Allianz geht auch an die Erben und Nachfolger des Römischen Reiches über.

Der Osmanische Aufmarsch

Am 3. Mai 1683 erreicht die osmanische Armee Belgrad. Sultan Mehmed IV. überträgt den Oberbefehl an seinen Großwesir Kara Mustafa Pascha. Später wird in Stuhlweißenburg das Ziel des Feldzuges bekanntgegeben. Es ist Wien, die Reichshauptstadt des Heiligen Römischen Reiches. Herzog Karl V. von Lothringen versucht durch die Belagerung von Neuhäusel die osmanischen Truppen abzulenken, gibt aber die Belagerung am 9. Juni auf und zieht die österreichischen Truppen nach Raab zurück. Die Osmanen überschreiten die strategisch wichtige Brücke bei Esseg am 13. Juni. Für schweres Belagerungsgerät ist die Brücke zu schwach. Also bauen die osmanischen Pioniere eine neue Brücke direkt daneben.

Das Gefecht bei Petronell

Am 1. Juli treffen die Osmanen bei Raab ein. Die Städte Tata, Neutra, Vesprém und Pápa ergeben sich den Osmanen. In Wien lässt Graf Rüdiger von Starhemberg schleunigst die Stadtmauern instand setzen. Herzog Karl V. von Lothringen soll eigentlich bei Raab die osmanischen Truppen aufhalten. Er lässt aber nur eine verstärkte Besatzung in Raab und setzt sich mit dem Gros in Richtung Wien ab. Die Osmanen folgen und stehen schon am 4. Juli an der österreichischen Grenze. Drei Tage später erreichen 40.000 Krimtataren das 40 Kilometer östlich von Wien gelegene Petronell. Sie sind allen um Wien stationierten Truppen um das Doppelte überlegen. Bei Regelbrunn stoßen sie auf zurückgehende Savoyendragoner. Karl V. sammelt die Truppen, stellt sie auf und greift an. Den rechten Flügel kommandieren General Sachsen-Lauenburg Taaffe und Rabatta (Ja, das waren noch Titel!) und der Markgraf Ludwig von Baden. Die Grafen Mercy und Palffy führen den linken Flügel. Die Tataren fliehen mit einem Verlust von 200 Mann. Die Kaiserlichen verlieren sechzig Mann. Auch der Prinz von Aremberg und Oberst Prinz Ludwig Julius von Savoyen, ein Bruder des berühmten Prinz Eugen, fallen. Der tapfere Kaiser Leopold I. verdrückt sich samt Familie und Hofstaat schleunigst nach Passau. Auch 80.000 Einwohner verlassen Wien.

Heerlager Herzogs Karl V.Das Heerlager Herzogs Karl V. von Lothringen

Vorbereitungen auf die Belagerung

Der Feldzeugmeister Graf Ernst Rüdiger von Starhemberg übernimmt die militärische Führung. Alle kaiserlichen Truppen werden alarmiert und zu Herzog Karl V. an das linke Donauufer bei Wien geordert. Feldzeugmeister Graf Leslie wird mit seiner Infanterie von der Insel Schütt in Eilmärschen zur Verstärkung nach Wien befohlen. Karl V. marschiert mit seinen Truppen von Schwechat über die Donaubrücken und lagert bei Tabor. Die Bewohner der Vorstädte werden evakuiert. Alles wird in die Stadt geschafft, besonders Lebensmittel. Am 12. Juli werden auf Befehl Starhembergs alle Vorstädte (heute 3. Bis 9. Wiener Gemeindebezirk) in Brand gesetzt. Die Bürger und Studenten Wiens werden einberufen. Munition (u. a. 1.000 24-Pfünder-Kugeln) kommt aus Steyr über den Wasserweg in die Stadt.

Verwüstungen im Burgenland und Niederösterreich

Die Verbindung von Wien zur Wiener Neustadt ist von den Tataren unterbrochen. Am 11.Juli erobern die Osmanen Hainburg und brennen es nieder. 90 Prozent der Bevölkerung wird ermordet oder verschleppt. Ähnlich ergeht es den Orten Baden, Schwechat, Inzersdorf und Favorita. Alles wird eingenommen und zerstört. Die gesamte Bevölkerung von Perchtoldsdorf wird getötet und der Ort niedergebrannt. In Mödling flüchtet die Bevölkerung in die St.Othmarkirche und wird dort umgebracht. In Bruck stecken die Bürger die Stadt selber in Brand und kapitulieren wie bereits vorher Eisenstadt und Ödenburg. Ödenburg muss vorher noch 50 Wagen Gerste und Mehl als Kontribution leisten. Am 14. Juli plündern und verbrennen die Osmanen das Stift Heiligenkreuz. Keiner überlebt. Keine Schmiede, keine Mühle, kein Backofen steht mehr. Diese massive Zerstörung der Infrastruktur bereitet den Osmanen sehr schnell große Versorgungsprobleme. Das war also damals der großartige kulturelle Beitrag des Osmanischen Reiches für das christliche Abendland!

Der Verlauf der Belagerung

Die Artillerie der Festung Wien, des Entsatzheeres und der Osmanen

Die Wiener Festung verfügt über 130 Kartaunen und Doppelkartaunen mit einem Kaliber bis zu 40 Kilogramm. Dazu kommen elf Kolumbrinen mit einem Kaliber von fünf Kilogramm und etliche Falkonette und Scharfentinl mit kleinerem Kaliber.

Die am 7./8. September 1683 anrückende Entsatzarmee der kaiserlichen, der Polen, Bayern und Sachsen sowie der südwestdeutschen Fürstentümer führt 152 Kartaunen dieser Kaliber mit sich.

Das osmanische Heer verfügt über 50 Balyemezgeschütze (schwere Belagerungsartillerie) mit Kalibern zwischen 13 und 40 Kilogramm, 20 Kolumbrinen (4 – 11 kg), fünf Mörser und 120 Sahigeschütze (ähnlich den Falkonetten). Größere Geschütze nimmt Kara Mustafa nicht mit, obwohl sich genügend in den ungarischen Festungen befinden.

SchlachtordnungDie Aufstellung der osmanischen Truppen

  • Auf der linken Flanke positioniert sich gegenüber der Löwelbastei (eigentlich: Löblbastei) das Janitscharenkorps und Ahmed Pascha.
  • In der Mitte gegenüber dem Ravelin stehen die rumelischen Truppen.
  • Die Burgbastei auf der rechten Flanke belagern Kara Mehmed Pascha und Wesir Abaza Sari Hüseyin Pascha.

Mustafas EroberungsplanKara Mustafas Eroberungsplan, auf einen Teppich gewebt

Das belagerte Wien 1683Das belagerte Wien 1683

Minenanlage der OsmanenDie Minenanlage der Osmanen zur Eroberung

Juli 1683

Der Belagerungsbeginn

Am 14. Juli erreichen die Osmanen Wien und schließen es von Süden, Westen und Norden ein. Kara Mustafa errichtet seine Zeltburg incl. Haremsdamen auf der Schmelz. Französische Ingenieure in osmanischen Diensten (Zeichnete der Habsburgfeind Ludwig XIV. von Frankreich dafür verantwortlich?) treten für den Angriff auf die Kärntner Bastei an, wo die Osmanen schon 1529 scheitern. Ahmed Bey ist osmanischer Ingenieur und entlaufener Kapuzinermönch im Dienste des Kara Mustafa. Im Jahr zuvor erkundet er die Festung Wien. Er tarnt sich als Mitglied einer Gesandtschaft des ungarischen Rebellen Tököly. Er rät Kara Mustafa zu einem Angriff gegen die von Georg Rimpler inzwischen vorbereiteten Befestigungen im Südwesten zwischen Burgbastei und Köwelbastei. Der Großwesir bestimmt die Geschützstellungen und befiehlt den Bau der Schanzgräben. Er sendet ein Schreiben zur Kapitulation und Übergabe der Stadt nach Wien. Starhemberg lehnt ab. Er setzt mit seinen 11.000 Soldaten und 5.000 Bürgerwehrleuten auf Durchhalten.

Die Umschließung der Stadt ist beim Donaukanal nicht vollständig. Man könnte die Stadt über die Donauinseln (heute 2., 20., 21. Und 22. Bezirk) mit Truppen, Nachschub und Nachrichten versorgen. Hüseyin Pascha, der Beylerbeyi von Damaskus, soll die Bewohner von den Inseln vertreiben. Die Inseln liegen tiefer als die Stadt und sind somit für die Artillerie unnütz. Der Donauarm ist an mehreren Stellen passierbar. Herzog Karl V. räumt alle Inseln und zieht sich mit seiner Kavallerie zurück an das linke Donauufer. Nun umschließen die Osmanen Wien vollständig. Leopoldstadt wird in Brand gesteckt, die Brücken werden abgerissen. Hizir Pascha, der Beylerbeyi, sichert Leopoldstadt (bzw. die Reste) und beginnt von dort die Beschießung der Stadt. Am nächsten Tag zerstören die Osmanen die letzte Brücke und damit die letzte Verbindung Wiens über die Donau.

Schon am Tag des Eintreffens schlagen in Wien die ersten Geschosse ein. Erste Brände können gelöscht werden. Die Bevölkerung lyncht zwei mutmaßliche Brandstifter. Starhemberg befiehlt zusätzliche Brandschutzmaßnahmen und stellt eine Feuerlöschkompanie auf. Das Komödienhaus wird wegen seiner vielen Holzaufbauten vollständig abgetragen. Am 19. Juli verursacht eine Bombe (Katapultgeschoß) ein großes Feuer, jedoch löscht die Kompanie den Brand sehr schnell.

Der erste Angriff auf Klosterneuburg am 17. Juli wird abgewehrt. Klosterneuburg hat eine Schlüsselstellung. Der 50-jährige Kammerschreiber Marcelinus Ortner leitet die Verteidigung. Auch einen zweiten Angriff schlägt er zurück. Er ist ein Laienbruder des Stifts und von Beruf Tischler. Zwar wird die untere Stadt geplündert und angezündet, doch die Stellung hält. Ein Sieg des Kreuzes über den Halbmond!

Der Hofschatzmeister Ali Aga erreicht am 19. Juli das osmanische Lager. Er berichtet, dass Sultan Mehmed IV. bestürzt sei über die Entscheidung, Wien anzugreifen. Sein Befehl sei, die ungarischen Rebellen und die Feste Neuhäusl zu unterstützen und weitere Festungen in Ungarn zu nehmen und nicht auf Wien zu marschieren. Der Großwesir verstärkt den Druck auf seine Truppen. Er will den Hofschatzmeister beschwichtigen. Doch bis zur Abreise Ali Agas am 30. Juli nach Edirne kann er keine Erfolge vorlegen.

Am 27. Juli wird in Wien die völlige Mobilisierung aller wehrfähigen Männer angeordnet. Auch werden erste Maßnahmen gegen Krankheiten, besonders Seuchen, getroffen.

Der Nachrichtenkrieg

Am 18. Juli greifen die Osmanen einen Kurier auf, der sich zu den kaiserlichen Truppen am Jedlesee durchschlagen soll. Er wird zuvorkommend verhört und verrät die Truppenstärke in der Stadt. Am 20. Juli erreicht ein Kürassier die Festung mit einem Brief von Herzog Karl V. an Starhemberg. Auf dem Rückweg wird auch er abgefangen. Der verschlüsselte Brief, den er mit sich führt, wird entziffert. Der Kürassier kehrt nicht zurück.

Der Minenkrieg I

Laufgräben durchs Glacis und erste Minen

Mit dem Eintreffen osmanischer Truppen beginnt ein Wettlauf bei den Schützengräben auf dem Glacis. Beide Parteien graben Laufgräben aufeinander zu. Schon am nächsten Tag führen die Wiener erste Ausfälle durch, um die Grabungsarbeiten zu stören. Innerhalb von drei Tagen kommen die Osmanen bis auf Angriffsweite an die Wiener Schanzen.

Inzwischen werden im Graben die letzten Vorbereitungen getroffen. Eine Künette wird ausgehoben, die bis zum Grundwasser heranreichte. Drei Kaponniere und ein Niederwall werden vor der Kurtine errichtet und eine dritte Verteidigungslinie rechts und links von der Löwelbastei gebaut. Dazu kommen Querwälle und Palisaden, die verhindern, dass die Osmanen bei der Stürmung eines Teils der Verteidigung einer Linie sofort die ganze Linie erobern können.

18. Juli: Kara Mustafa besichtigt die Schanzarbeiten. Er entdeckt eine Wasserleitung aus den Vorstädten und lässt den Wienern die Leitung zur eigenen Verwendung abgraben. Die Stimmung im osmanischen Lager ist sehr gut. Sie sind mit ihren Schanzen nur noch zwanzig Meter von der Kontereskarpe entfernt. Vor den Spitzen der Burg- und Löwelbastei, wo auch die Kontereskarpe in das Glacis vorspringt, sind es nur noch sechs Meter. Hier wird bereits mit Flinten und Handgranaten gekämpft. Ein Bombenwurf brennt Teile der vordersten Palisaden nieder.

20. Juli: Die Osmanen graben sich tiefer in die Erde. In jeden Abschnitt gegen die Palisaden wird eine Mine gelegt. Am 23. Juli zünden die ersten Ladungen vor dem Ravelin und der Burgbastei. Der folgende Angriff wird unter beiderseitig hohen Verlusten abgewehrt. In jedem Haus nahe der Werke wird ein Mann abgestellt, der auf Grab- oder Klopfgeräusche horchen soll. Das starke Regenwetter bringt eine Pause. Am 25. Juli explodiert eine Mine vor der Löwelbastei. Ein Teil der Palisaden wird zerstört. Tags darauf zünden die Wiener ihre erste Mine unter den osmanischen Schanzen, leider mit wenig Erfolg.

28. Juli: Vor dem Ravelin wird eine sieben Meter breite Schneise gesprengt. Diese Ladung muß sehr groß gewesen sein. Teile der Palisaden, des gedeckten Weges und der Kontereskarpe werden in den Graben geworfen. Die Wiener unternehmen unter hohen Verlusten einen Ausfall und befestigen die Bresche.

30. Juli: je eine Mine beider Gegner beschädigt Laufgräben und gedeckten Weg auf der Kontereskarpe. Der osmanische Angriff bleibt stecken. Die Wiener halten auf dem instandgesetzten gedeckten Weg. Die Osmanen stürmen vor dem Ravelin bis vor die Palisaden.

31. Juli: Durch die Laufgräben bringen die Osmanen 30 Geschütze vor der Löwelbastei in Stellung. Der Kavalier der Löwelbastei (die „Katze“) wird zerschossen. Die meisten Geschütze auf dem Kavalier sind zerstört, der Rest wird herausgeholt. In die Ruine werden Schießscharten gebrochen. Für ein besseres Schussfeld wird die Brustwehr der Bastei abgetragen. In den Laufgräben und unter der Erde kommt es zu ersten Nahkämpfen.

TunnelkämpfeTunnelkämpfe

 Das Geschehen in Europa

Graf Philipp von Thurn trifft am 14. Juli in Warschau ein und berichtet von der Belagerung Wiens. König Jan Sobieski gibt Befehl, das Heer zu sammeln. Er will vor Monatsende aufbrechen.

Kaiser Leopold I. erreicht am 17. Juli Passau. Am 23. Juli treffen dort die ersten bayerischen Hilfstruppen ein (10.000 Mann). Graf von Thurn überbringt am 27. Juli die Nachricht, dass König Jan Sobieski und sein Sohn Prinz Jakob mit 50.000 Mann aufbrechen werden. Der Jesuit Pater Wolff meldet, dass 10.000 Sachsen unterwegs seien. Aus Polen kommt darauf die Nachricht, dass Sobieski bis zum 20. August vor Wien sein werde. Er marschiert über Schlesien und Mähren, eine gewaltige Leistung!

Und Ludwig XIV. von Frankreich? Der „Sonnenkönig“ lässt sich im eigenen Lande als „Allerhöchstchristliche Höchstkatholische Majestät“ anreden und wartet ab. Die katholischen Habsburger sind wie die katholischen Spanier seine Erzfeinde. Er reibt sich seine blutigen manikürten Hände und wartet ab. Er ahnt nicht, dass er einst vor dem Prinzen Eugen von Savoyen, der tapfer gegen die Türken kämpft, selber persönlich kapitulieren muß. Welch eine Pointe!

August 1683

Die Versorgungslage

Die Preise auf Lebensmittel, Medikamente und Bedarfsgegenstände werden fixiert, die Einhaltung wird kontrolliert, schwere Strafen werden angedroht. Schwarzhandel und Preiswucher steigen dennoch an. Die Entsorgung der Leichen wird geregelt.

Auch das osmanische Heer hat Versorgungsprobleme. Man hatte nicht auf eine lange Belagerung geplant. Die Vorräte gehen zu Ende. Nachschub kann nicht direkt beschafft werden, da die Tataren aber auch wirklich alles in der näheren Umgebung zerstört haben. Die Versorgungswege werden lang und gefährlich. Bis Ende August sind alle Lebensmittel im osmanischen Lager verbraucht.

 Die Lage in Wien

1. August: Die Osmanen beschießen während der Heiligen Messe den Stephansdom und darauf noch die Kapuzinerkirche, deren Dach einstürzt. Damit begehen sie einen Wortbruch. Heilige Stätten sollten gemäß einer ehrenhaften Absprache von den Kampfhandlungen ausgenommen sein und nicht einbezogen werden.

8. August: Ein 15-jähriger Junge wird als Spion erwischt. Am 27. August wird er geköpft. Die „Rote Ruhr“ bricht aus und verlangt viele Opfer. Auch Starhemberg erkrankt.

26. August: Alle Männer von Wien werden einberufen. Auf Drückebergerei steht die Todesstrafe.

27. August: In der Nacht werden vom Stephansdom 30 Raketen abgeschossen. In der nächsten Nacht sind es bereits 100, eine Antwort auf den Wortbruch!

31. August: Erste Vorbereitungen der Osmanen gegen den Entsatz werden beobachtet. Der Druck auf die Stadt lässt nach, man schöpft Hoffnung. Starhemberg lässt die Straßen und Häuser um Burg- und Löwelbastei in den Verteidigungszustand setzen und richtet dort eine zweite Kampflinie ein.

Bei den Osmanen

Großwesir Kara Mustafa setzt am 3. August den Alaybeyi des rechten Flügels (Burgbastei), Kara Mehmed Pascha, wegen Unfähigkeit ab. Auch der Arsenaloberst wird ersetzt.

Am 22. August trifft der osmanische verbündete Fürst von Siebenbürgen mit seinen Truppen im Lager ein. Er kritisiert die Eroberungspläne stark. Der verärgerte Kara Mustafa schickt ihn zur Überwachung der Raab-Brücken zurück.

Der Nachrichtenkrieg

Ein berittener Bote Herzog Karls V. dringt am 4. August zur Stadt durch und bringt Nachrichten. Die Belohnungen und Bezahlungen für Kuriere werden immer teurer. Als Leutnant Michael Gregorowitz von Wien zu Herzog Karl V. nach Jedlesee drei Briefe überbringt, wird er zum Kompaniechef befördert. Er schafft es vom 8. August bis zum 16.August, durch das osmanische Lager und den Wienerwald zu schleichen und den Herzog zu erreichen. Der Orientwarenhändler Georg Franz Kolschitzky wird am 13. August als Kurier zum Herzog entsandt und kommt am 15. August dort an. Schon am 17. August kehrt er als Held zurück (Seine Tarnung stammt tatsächlich aus seinem Orientwaren-Sortiment! Nach dem Krieg eröffnet er das erste Wiener Café-Haus.). Er bringt gute Nachricht: Das Entsatzheer mit 70.000 Mann sammelt sich bei Wien. Dabei hat Jan Sobieski die ungarischen Rebellen geschlagen. Kolschitzky erhält 200 Dukaten Belohnung. NB: Das Jahreseinkommen eines Handwerkmeisters beträgt 20 Dukaten. Der Kurier Seradly, der Diener des Kolschitzky, startet am 19. August in Wien und kehrt am 21. August zurück. Auch er erhält 200 Dukaten. Für den selben Lohn schafft es auch der Kurier Georg Michaelowitz am 27. August.

Der Minenkrieg II

Durch die Palisaden und die Kontereskarpe in den Graben

1. August: Weitere Minen der Osmanen beschädigen die Kontereskarpe. Tags darauf nehmen die Osmanen die Palisaden vor der Löwelbastei ein. Die Wiener lassen am Abend unter den osmanischen Laufgräben vor der Löwelbastei selber eine Mine explodieren.

3. August: Eine zweite Mine explodiert vor dem Ravelin. Die Ladungen der Wiener Minen sind zu schwach. Ein osmanischer Angriff wirft die Wiener aus den Palisaden und dem gedeckten Weg hinunter in den Graben. Die Wiener räumen die Stellungen an den Palisaden vollständig.

5. August: Eine Mine der Wiener schlägt bei der Burgbastei nach hinten durch und zerstört einen großen Teil des gedeckten Weges. Der folgende Angriff der Janitscharen wird abgewehrt. Noch ist die Stimmung bei den Osmanen gut.

Die Grabenkämpfe

Die Osmanen legen vor der Löwelbastei und dem Ravelin einen Tunnel an, der bis in den Graben führt. Am Abend des 6. August dringen die ersten Osmanen vor dem Ravelin in den Graben ein. Graf Starhemberg persönlich kontert mit 100 Mann und vertreibt die Osmanen. Die Säcke, die die Osmanen zum Schanzen mitgebracht haben, werden in die Stadt gebracht. Viele Tote auf beiden Seiten. Am nächsten Morgen dringen die Osmanen über die Tunnel in den Graben vor den Bastionen ein und setzen sich fest. Sie arbeiten sich in Richtung Ravelin vor. Eine Mine wird im Graben zwischen Löwelbastei und Ravelin gezündet. Durch heftigen Beschuss stürzt der Tunnel vor der Burgbastei ein. Dreissig Osmanen werden verschüttet. Am 8. August erreicht bei einem Sturmangriff erstmals ein osmanischer Soldat die Stadtmauer. Am nächsten Morgen explodiert eine Mine vor der Löwelbastei. Damit öffnen die Osmanen den Weg für den Tunnel in den Stadtgraben. Sie können sich endgültig festsetzen.

Der Minenkrieg III

Der Angriff auf die zweite Verteidigungslinie (Kampflinie)

9. August: Die erste Mine der Osmanen unter dem Ravelin reißt sieben Meter Mauerwerk ein. Diese Bresche wird von den Wienern sofort abgeriegelt. Burg- und Löwelbastei werden ebenso angegriffen. Die Kaponniere werden vollständig verschüttet und mit der nächsten Mine zerstört. Ausfälle der Wiener, um die Tunnel in den Graben zu zerstören und die Zugänge zu blockieren, scheitern unter hohen Verlusten. Die Osmanen lassen nicht locker.

12. August: Zwei Minen unter der Burgbastei schlagen teilweise nach hinten aus. Deranschließende Sturmangriff der Osmanen scheitert unter hohen Verlusten. Eine Mine unter der Spitze des Ravelins teilt diesen in zwei Teile. Trotzdem bleiben das Ravelin und die Basteien verteidigungsfähig, weil entsprechende Vorkehrungen für eine solche Lage von den Wienern vorher getroffen worden waren. Die Stimmung der Osmanen schwankt.

15. August: Die Wiener Mineure sind erfolgreich. Eine Mine der Osmanen unter den Palisaden wird unbrauchbar gemacht, eine zweite durch Kanonen zerstört, eine dritte durch Gegensprengung vernichtet. Die Osmanen setzen sich im Festungsgraben vor der Löwelbastei fest und graben sich bis zur Künette in der Grabenmitte vor. Die Wiener unternehmen einen Ausfall. Sie töten alle verschanzten Osmanen. Ihre Rampen, Stützbalken und alles Holz wird angezündet. Die erkundeten Minen werden zerstört, die Sprengmittel kassiert. Es dauert zwölf Tage, bis die Osmanen diese Stellung wieder unter ihrer Kontrolle haben. Die Stimmung der Osmanen verschlechtert sich weiter.

18. August: Weitere schwere Gefechte bringen keine Fortschritte. Der Ausfall einer von Stadtbürgern gebildeten Freiwilligenkompanie scheitert kläglich. Es ergeht die Anordnung, dass niemand mehr ohne Befehl einen Ausfall wagt.

20. August: Die Osmanen zünden unter der Burgbastei zwei, unter dem Ravelin eine Mine.
Der folgende Sturmangriff bleibt liegen.

22. August: Die Wiener gehen ohne Wirkung gegen die Tunnel vor der Burgbastei vor. Die Osmanen flüchten aus dem Graben und besetzen ihn Stunden später wieder. Die nächsten Tage bringen trotz starken Regens weitere Sprengungen, Ausfälle, Stürme und viele Tote auf beiden Seiten.

29. August: Man mag es nicht glauben! Dieser Tag ist der osmanische Feiertag der Enthauptung von Johannes dem Täufer. Tatsächlich ist Johannes der Täufer neben Jesus Christus in der islamischen Welt ein Prophet und wird mehrfach im Koran genannt. Aus diesem Anlass zünden sie eine besonders große Mine unter dem Ravelin und sprengen das meiste in die Luft. Wie sinnig! Der Rest des Ravelins wird von den Wienern geräumt. In der Stadt werden Wasserbottiche aufgestellt, um Grabungstätigkeiten schneller zu erkennen. Kleinste Erschütterungen zeigt der verzerrte Wasserspiegel. Getrocknete Erbsen auf Trommelfellen geben auch Signale.

31. August: Die Osmanen landen mit ihren Minen einen Zufallstreffer hinter der Löwelbastei. Ein Munitionslager und ein Schwarzpulverlager gehen in die Luft. Die Pulvervorräte werden dadurch empfindlich reduziert.

Die osmanische Belagerung in der Umgebung von Wien

Die Osmanen erobern am 3. August Pottendorf, Ebreichsdorf und Götzendorf. Die Bevölkerung wird getötet und verschleppt, die Orte vollständig zerstört. Die Janitscharen greifen am 24. August erneut Klosterneuburg an, welches sie als Stützpunkt gegen das Entsatzheer verwenden wollen. Der Angriff dauert zwei Tage und bleibt erfolglos liegen.

Das Geschehen in Europa

Ab dem 3. August kommt es zu mehreren Gefechten zwischen den polnischen und kaiserlichen Truppen gegen die ungarischen Rebellen, Tatren und Osmanen. Am 8. August trifft Prinz Eugen von Savoyen („Du Edler Ritter“) in Passau ein. Er berichtet, dass alle anderen französischen Offiziere, die sich den Österreichern anschließen wollten, auf Befehl Ludwig XIV. inhaftiert wurden. Ein weiterer Beitrag des Sonnenkönigs zum Frieden in Europa! Am 12. August melden sich die 1.000 Mann des Regimentes Prinz Ludwig von Neuburg beim Entsatzheer, am 21. August sind es 8.000 fränkische Soldaten. Es kommt nun zur Sammlung der Kräfte. Herzog Karl V. marschiert Richtung Tulln und besiegt en passant ein größeres Kontingent der Osmanen und Ungarn mit seiner Kavallerie. Endlich, am 31. August, um fast zwei Wochen verspätet, trifft Kaiser Leopold I. mit seinem Entsatzheer in Hollabrunn König Jan Sobieski und dessen polnisch-litauisches Heer.

September 1683

Anfang September geht in der Stadt wie auch im osmanischen Lager die Nahrung aus. Die Wiener erbeuten bei zwei Ausfällen 22 Ochsen, zwei Pferde und einen Lebensmittelwagen.

Die Lage in Wien

Am 3. September werden vom Stephansdom in der Nacht wieder 30 Raketen abgeschossen. In den folgenden Tagen sind es so viele, dass sie nicht mehr gezählt werden können. Wehrdienstverweigerer und Deserteure werden sehr hart bestraft. In den Straßen hinter Burgund Löwelbastei wird eine weitere Verteidigungslinie angelegt.

Bei den Osmanen

Am 7. September hält Großwesir Kara Mustafa eine Musterung ab. Er will Wien vor Eintreffen des Entsatzheeres einnehmen. Für das Rencontre mit dem Entsatzheer wird
umgruppiert.

Der Nachrichtenkrieg

Der Kurier Georg Michaelowitz bringt Meldung von Herzog Karl V. in die Stadt. Der Entsatz werde in einigen Tagen eintreffen. Mit der Botschaft um die sehr bedenkliche Versorgungslage kehrt er zum Herzog zurück. Das Kurierporto: 200 Dukaten. Der Kurier Stefan Seradly erhält am 4. September 120 Dukaten für die Überbringung von Briefen aus Wien an das Entsatzheer. Er läuft zu Kara Mustafa über, der so wichtige Informationen erhält und Verstärkung heranzieht. Später wird dieser Verräter Seradly hingerichtet. Am 8.September werden zwei deutsche Kuriere vor Wien abgefangen.

Der Minenkrieg IV

Angriff auf die Stadtmauer

1. September: Die Osmanen treiben mehrere Minen bei der Löwelbastei unter die Kurtine. Ein Ausfall der Wiener, um die Minen zuzuschütten, scheitert.

2. September: Eine Mine explodiert bei der Burgbastei mit minimaler Wirkung, doch dadurch wird es für die Osmanen leichter, in die Burgbastei zu gelangen. Die Osmanen unterwühlen die Stadtmauer an der Burgbastei. Bei einem Ausfall der Wiener werden alle Angreifer getötet.

3. September: An der Burgbasteispitze geht die nächste Mine hoch. Etliche Quaderstücke fallen heraus. Der Ausfall, um weitere Minen zu zerstören, schlägt fehl. Die Verluste sind auf beiden Seiten sehr hoch. Graf Starhemberg gibt die letzten Reste vom Ravelin, Kontereskarpe und Kaponniere auf. Die Minen der Osmanen reichen jetzt zwei bis drei Meter unter die Stadtmauer. Beim Minieren und Konterminieren geraten Osmanen und Wiener aneinander. Es kommt zu grässlichen Tunnelkämpfen.

Tunnelkampf unter der BurgbasteiTunnelkampf unter der Burgbastei

4. September: Die Wirkung der ersten Minensprengungen unter der Kurtine ist so stark, dass Mauerteile nach außen fallen. Diese Schutthalde erschwert und verzögert den Angriff, der dann auch scheitert. Der Durchgang wird von den Wienern schnellstens durch Einschlagen von Palisaden gesperrt. Eine Sprengung and er Burgbastei schlägt eine acht Meter breite Bresche. Von allen Seiten stürmen Osmanen und zum ersten Mal auch Janitscharen. Aber die Steigung zur Burgbastei im angehäuften Geröll ist zu stark. Mit überkreuzendem Artilleriefeuer wird der Angriff nach zwei Stunden abgewehrt. Mit Sandsäcken und spanischen Reitern wird die Bresche geschlossen. Allein dieser Sturm kostet die Wiener 200 Mann. Auch diese Bresche wird in der Nacht geschlossen. Holz und andere Bauteile von Häusern werden eingesetzt, um als Palisade bei Burg- und Löwelbastei verwendet zu werden. Die Verteidigung Wiens wird in 64 Kampfgruppen eingeteilt. Die Stimmung bei den Osmanen erreicht einen Tiefpunkt.

5. September: Zwei weitere Minen explodieren an der äußersten Spitze der Löwelbastei. Bei hohen Verlusten auf beiden Seiten bleibt der Angriff der Osmanen liegen. Als die Sperren immer dichter werden, nehmen die Osmanen den Minenkampf wieder auf. 8. September: Die Osmanen erobern den Niederwall. Von dort bereiten sie weitere Minen an der Kurtine vor und zünden nachmittags zwei unter der Löwelbastei. Wieder landet so viel Mauerwerk im Graben, dass der Angriff zurückgeschlagen werden kann. Es kommt zu ersten Meutereien im osmanischen Lager.

12. September: Die Osmanen stellen sich für die Entsatzschlacht beim Kahlengebirge bis Hütteldorf auf. Gleichzeitig treiben sie fünf Minen bis unter die Stadtmauern. Die Mineure sind bis zu zwei Meter tief unter die Kurtine vorgedrungen und sind bereit, die Ladungen zu setzen und zu zünden. Die von den Wienern vorgefundene und entschärfte Ladung hat ein Gewicht von sechs Tonnen! Es wäre die zweiundvierzigste Mine gewesen, die die Osmanen gezündet hätten.

Doch dazu kommt es nicht mehr!

In Wien stehen zu diesem Zeitpunkt nur noch zirka 5.000 verteidigungsfähige Männer zur Verfügung! Das Verhältnis Belagerungstruppen zu Verteidigern beträgt fünfzehn zu eins!

Das Geschehen in Europa

4. September: Kriegsrat auf Schloss Juliusburg bei Tulln. Den Vorsitz hat König Jan Sobieski. Marschroute und Taktik sollen festgelegt werden. Es kommt zu einem eitlen Knatsch zwischen Karl V. und Jan Sobieski um die Führung des Entsatzheeres. Dieses Kommando hatte Kaiser Leopold I. dem Polen vorher vertraglich abgetreten. Schließlich beendet Marco d’Aviano, päpstlicher Legat und Beichtvater von Leopold I. durch diplomatische Intervention und vielleicht göttliche Eingebung diesen Disput: Jan Sobieski führt. Vernünftig war das sowieso, schließlich stellten die Polen mit 50.000 Mann das größte Kontingent.

6. September: Der Kurfürst von Bayern erreicht Linz. Fränkische, sächsische, bayerische und schwäbische Kontingente passieren die Donau und erreichen Tulln. 7. September: Die polnisch-litauische Armee überquert ebenfalls die Donau und erreicht Tulln. Tulln liegt 30 Kilometer stromaufwärts von Wien. Die Tataren, die die Brücke sichern sollen, verhindern den Brückenkopf nicht.

8. September: Kaiser Leopold I. fährt mit dem Schiff von Linz Richtung Wien. Herzog Karl V. kommandiert an seiner Stelle nun die kaiserlichen Truppen. 9. September: Der letzte große Kriegsrat der christlichen Allianz. Auf Anraten Karl V. rücken unter Zurücklassung des Trosses drei Kolonnen à 14.000 Flügelhusaren durch den Wienerwald auf die Stadt vor. Der Weg ist beschwerlich und kaum befestigt. Artillerie kann nur begrenzt mitgenommen werden. Es mangelt an Nachschub. Die Truppen marschieren zwei Tage ohne Verpflegung. Dafür gibt es aber keine Schwierigkeiten beim Vormarsch. Die Osmanen ahnen nichts von der Unternehmung. Darüber hinaus hat Großwesir Kara Mustafa es versäumt, die Donaubrücken zu sichern und Klosterneuburg zu erobern, der nun zum wichtigen Brückenkopf der Alliierten wird. Auch ordnet er keine Befestigung des Kahlengebirges an.

11. September: Die alliierten christlichen Truppen besetzen das Kahlengebirge.

12. September: In den Morgenstunden greift das Entsatzheer mit Truppen aus Venedig, Bayern, Sachsen, Franken, Schwaben, Baden, Oberhessen, Litauen und Polen mit zirka 60.000 Mann an. Die osmanischen Kommandeure werden sich nicht einig über die Taktik dieses Zweifrontenkrieges. Nach anstrengendem Zwei-Tage-Marsch unter dem persönlichen Kommando von König Jan III. Sobieski donnert die polnische Kavallerie von den Höhen des Wienerwaldes hinunter auf die osmanischen Stellungen. Es sind die gefürchteten Flügelhusaren, die nun die Osmanen und Tataren in Angst und Schrecken versetzen. Die gesamte christliche Streitmacht geht zum Angriff über. Auch die Wiener begehen einen Ausfall und stürmen die Laufgräben der Osmanen.

König Jan III. Sobieski und seine FlügelhusarenKönig Jan III. Sobieski und seine Flügelhusaren

Das gesamte Osmanische Heer flüchtet in Angst und Schrecken überstürzt
und sammelt sich bei Gyór und der Raab! Die Entscheidungsschlacht
dauert nicht einmal einen Tag!

Der weitere Verlauf

Am 13. September reitet König Sobieski in die Stadt. Die Kaiserlichen drängen auf Verfolgung der Osmanen, was vernünftig ist. Doch Sobieski will sein Pferd nicht weiter belasten!? Die allgemeine Plünderung des osmanischen Lagers beginnt: Tiere, Lebensmittel, Güter, Waffen, Geschütze, Munition, Geld und Gold und Haremsdamen. Die Zeltburg des Großwesirs Kara Mustafa wird von Sobieski komplett kassiert. Die Kaiserlichen gehen beim Plündern fast leer aus.

Das prachtvolle Zelt eines osmanischen HeerführersDas prachtvolle Zelt eines osmanischen Heerführers

Im Harem des FührersIm Harem des Führers

Die Wiener Bevölkerung verschießt wahllos Munition. An der Stadtmauer und unter dem Ravelin werden mehrere zündbereite große Minen gefunden. Sechs Meter tief unter der Kurtine gelegte schwere Minen sind fertig zur Sprengung.

Als Kaiser Leopold I. vom Sieg des Entsatzheeres erfährt, begibt er sich per Schiff nach Klosterneuburg und erreicht einen Tag später per kaiserlicher Kutsche die befreite Stadt. Großwesir Kara Mustafa sucht nach der Schlacht einen Schuldigen. Er lässt Ibrahim Pascha, den Beylerbeyi von Ofen, hinrichten. Angeblich hat sich dieser als Erster vom Schlachtfeld zurückgezogen. Der Grund ist wohl ein anderer: Ibrahim Pascha hielt Kara Mustafas Zweifrontenstrategie gegen Wien und Entsatzheer für falsch. Kritikfähigkeit war nicht die Stärke Mustafas.

Kaiser Leopold I. und König Jan III. Sobieski treffen sich zu Pferde in der Nähe von Schwechat. Das Verhältnis beider Monarchen zueinander ist etwas gestört. Der Schlachtenruhm geht an Sobieski. Er hatte die Führung und das bei weitem größte Kontingent. Er führte persönlich die Flügelhusaren. Und: er hat am erfolgreichsten geplündert.

Erst am 18. September beginnen König Sobieski und Herzog Karl V. mit der Verfolgung der osmanischen Streitkräfte. Da diese nicht sofort verfolgt wurden, können sie sich bei Párkány sammeln. Karl V. mahnt, bei der Verfolgung auf weitere polnisch-österreichische Verstärkungen zu warten. Sobieski ist ein Dickkopf. Er ignoriert die Warnung. Er glaubt, dass Pákárny nur schwach besetzt ist. Doch dort hat sich ein 40.000 Mann starkes osmanisches Kontingent versammelt, das nicht an der Schlacht um Wien teilgenommen hat, also frische Truppen.

Der polnische König greift am 7. Oktober an. Ein Feigling ist er nicht. Die Vorhut unter dem Kommando von Stefan Bidzi´nski wird sofort in ein Gefecht verwickelt und fast vollständig aufgerieben (zirka 2.000 Mann Verluste). Der König sieht die fliehenden Reste seiner Vorhut. Er lässt Infanterie und Artillerie hinter sich und greift nun mit 4.000 Flügelhusaren (Hussaria) den überlegenen Feind an. Wegen fehlender Infanterie und Artillerie ist diese Front nicht zu halten und bricht zusammen.

König Sobieski will dennoch weiterkämpfen. Offiziere wie der österreichische Feldmarschall von Dünewald appellieren an seine Vernunft. Endlich wird er von einer in Panik verfallener Soldateska ergriffen und zieht sich zurück.

Aus einem Bericht des polnischen Adligen und Schriftstellers Jan Chryzostom Pasek, übersetzt von Maximilian Lorenz zu Starhemberg:

„Der König kam also mit dem Heer auf gleiche Höhe mit jenen Leichen der Vorhut, gleich verließ die unseren den Mut, und da sprangen uns die Türken wie die Rasenden an. Man begann zuerst, ihnen schwachen Widerstand zu leisten. Als sie aber der Eskadron der ruthenischen Wojewoden des Kronhetmanns in den Rücken gekommen waren, da begann die Husareneskadron davonzulaufen, eine zweite nach, eine dritte, schließlich gab das ganze Heer Fersengeld, mit dem König und allen Hetmannen, alle zu ihrer großen Schande und zum Gelächter für die Deutschen. Schimpflich flohen sie eine gute Meile, bis sie sich auf die Kaiserlichen stützen konnten.“

Nach Auflösung der polnischen Kavallerie ziehen sich die Polen fluchtartig zurück. König Sobieski entkommt nur knapp mit Hilfe seiner tatarischen Hilfstruppen unter dem Kommando des Lipka-Tataren Oberst Samuel Mirza Krzeczowski. Zwei Tage später, am 9. Oktober, und nach erfolgter Verstärkung der Flügelhusaren durch polnische Infanterie, Artillerie und kaiserliche Truppen, werden die Osmanen in einer zweiten Schlacht bei Párkány von Sobieski geschlagen.

Am 21. Oktober erobern Polen und Kaiserliche die Stadt Gran.

Am 25. Dezember (Weihnachten!) wird Großwesir Kara Mustafa, auf dem Rückzug in Belgrad angekommen, auf Befehl des Sultans mit einer grünen Seidenschnur erdrosselt. Er hatte die Schlacht um Wien trotz dreifacher Übermacht verloren.

 Kara Mustafas HinrichtungKara Mustafas Hinrichtung

Durch die sich anschließenden Eroberungen im Zuge des Großen Türkenkrieges in Süd-Osteuropa steigt Österreich, das Haus Habsburg, zur europäischen Großmacht auf. Nach 200 Jahren Defensive gegen die Osmanen geht Habsburg in die Offensive. Die Osmanen treten den Rückzug vom Balkan an. Im Vertrag von Karlowitz müssen sie auch Ungarn und Siebenbürgen aufgeben. Bis zum Frieden von Jassy 1792 verlieren sie die Gebiete nördlich der Donau. Sie ziehen sich in die Gebiete vor der Krim und östlich von Dnjestr und Russland zurück. 1830 erklärt sich Griechenland unabhängig von der Türkei. Teile Anatoliens werden vom ägyptischen Vizekönig Muhammad Ali besetzt. Im Berliner Vertrag von 1878 werden Rumänien, Serbien und Montenegro unabhängig von der Türkei. Bis 1885 gehen Kreta, Bosnien-Herzegowina und Bulgarien verloren. Auch in Nordafrika muss die Türkei auf Herrschaftsansprüche verzichten. Frankreich annektiert Algerien und Tunesien, Großbritannien besetzt Ägypten und Italien kassiert Libyen.

Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges ist das Osmanische Reich, das Turan, aufgelöst!

Ein Nachsatz über Georg Rimpler

Der Festungsbauer, Mineur und Feuerwerker Georg Rimpler (auch: Rümpler) wird 1636 in Leisnig bei Leipzig geboren und fiel am 3. August 1683 in Wien. Seine große Leistung ist die Verstärkung der Festung Wien. Sein technisches Wissen trägt wesentlich dazu bei, dass die Stadt lange genug durchhalten kann, bis das Entsatzheer eintrifft. Nach der Zündung einer der ersten Minen der Türken wird er bei einem Gegenangriff der Wiener am 25. Juli 1683 verwundet und stirbt in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1683.

Rimpler verlor bei einem Großbrand der Stadt Leisnig 1637 seine gesamte Familie. Er wächst bei seinem Onkel auf. Dieser finanziert ihm das Studium der Mathematik, Fortification, Geschichte, alte Kriegsgeschichte, Logik, Dialektik und Rhetorik.

1655, mit 19 Jahren, lässt er sich von Schweden im Krieg gegen Polen und Russland anwerben und kämpft bei der Belagerung von Riga mit. Er gewinnt erste Eindrücke vom Festungsbau. Nach 1660 studiert er Festungsbau in Nürnberg unter Georg Christian Gorck. Nürnberg galt damals als „Schule der Kriegskunst“ und war die am schwersten befestigte Stadt des Reiches. Einer der Lehrer Rimplers war auch der berühmte Zeugmeister Hanns Carl, auch als Johann Carl bekannt. 1666 dient er als Pionierleutnant bei den Schweden während der Belagerung Bremens. 1669 ist er Hauptmann für die Republik Venedig organisiert die Belagerung von Candia. Der Doge verleiht ihm den höchsten Staatsorden. In schwedischen Diensten vervollständigt Rimpler danach seine Kenntnisse in Mineurwesen und Festungsbau auf der Bastion St. Andrea. Diese Belagerung artet zu einem riesigen Minenkrieg aus, der bis zum Ersten Weltkrieg einzigartig bleibt. Rimpler wird von einer türkischen Fornell (Mine) schwer verletzt. Über die Zustände schreibt er: „Wie schwer es doch die Generalität lerne, mit ihrem kostbarsten Material, nämlich dem Soldatenblut, umzugehen. Es ist unverantwortlich, dass man das unschuldige und redliche Volk so auf die Schlachtbank führt. Die Infanterie ist als die Seele und das Leben der Festung so vorsetzlich in den Tod zu schicken, ist ein großes Versehen.“

Rimpler wird begehrt und reist von einer Belagerung zur nächsten:

  • 1672: Belagerung von Duisburg, Nimwegen, Crévecoeur, Bommel auf französischer Seite
  • 1673: Belagerung von Bonn auf kaiserlicher Seite
  • 1674: Belagerung von Grave
  • 1675: Belagerung von Trier
  • 1676: Belagerung von Philippsburg
  • 1677: Belagerung von Stettin

Bei Stettin lernt er Kaiser Leopold I. und Herzog Karl V. kennen. Er ist sehr bekannt und hat einen ausgezeichneten Ruf. Im April 1682 wird er für 2.000 Gulden Jahressalär (Da kann man neidisch werden!) von Kaiser Leopold I. als Oberstleutnant und Chef des Ingenieurwesens eingestellt. Sein Auftrag: Verstärkung der Festungen Leopoldstadt, Raab, Pressburg, Komor und Wien gegen die Türken. Sein Konzept: mit dieser Kette von Befestigungen soll die türkische Streitmacht geschwächt und zersprengt werden, bis das Entsatzheer zurückschlägt. Sein Konzept ging letztendlich auf.

Am 25. Juli 1683 sprengen die Türken eine Mine vor der Löbelbastei und werfen einen großen Mauerabschnitt der Kontereskarpe in den Graben. Beim Gegenangriff der Wiener wird Rimpler am linken Arm verwundet. Die Wunde ist eigentlich nicht schwer. Doch die unzulänglichen medizinischen Verhältnisse führen zu seinem Tod am 3. August 1683. Er wird mit Tausenden von Verteidigern und Zivilisten, die an Kampfhandlungen und Seuchen zugrunde gegangen waren, in einem Massengrab bestattet. Möglich ist, dass sich seine sterblichen Überreste wie der so vieler Wiener in der Knochenkammer unter dem Stephansdom befinden.

Über Rimplers Schriften schwanken die Ansichten weit auseinander. Für die einen ist er ein fortschrittlicher Avantgardist, die anderen können ihn nicht verstehen. Er wird oft kopiert. Man kann ihn auch als den „Vauban der Deutschen“ bezeichnen. Vauban war Frankreichs größter Festungsbaumeister und ein Zeitgenosse. Tatsächlich wurden Rimplers Ideen 90 Jahre später von Montalembert wieder aufgenommen. Ich will abschließend dazu sagen: Rimpler ist eine mit vielen geistigen Anlagen ausgestattete Persönlichkeit gewesen, die mit Rücksicht auf deren unvollständige Ausbildung dennoch als Militär und Ingenieur unter den Verhältnissen der damaligen Zeit sehr denkwürdig hervorgetreten ist.
Rimplers Werke:

  •  „Ein dreyfacher Tractat von den Festungen“, 1671
  • „Befestigte Festung, Artillerie und Infanterie mit drei Treffen in Bataille gestellt“, 1674
  • „Beständiges Fundament zu Fortificiren und Defendiren“, 1674

Über die Janitscharen

Das Janitscharenkorps, wörtlich „Feuerstelle der neuen Truppe“. War im Osmanischen Reich die Elitetruppe und die Leibwache des Sultans. Die ersten Einheiten umfassten noch Kriegsgefangene und Sklaven. Ab 1438 wurden systematisch Knaben im Alter von sieben bis vierzehn Jahren aus den unterworfenen christlichen Völkern zwangsrekrutiert (so genannte „Knabenlese“) und zwangsislamisiert. Sie wurden unter strikter Disziplin bei harter Arbeit zu Soldaten ausgebildet. Sie waren dem Zölibat unterworfen. Sie waren auf den Sultan eingeschworen. Sie erhielten keinen Sold. Das Leben der Janitscharen-Offiziere ähnelte dem der christlichen Ritterorden, z. B. den Maltesern. Das Janitscharenkorps hatte am Ende eine Stärke von mehr als 200.000 Mann. Es wurde 1826 aufgelöst.

Janitscharen-Aga und seine BegleiterJanitscharen-Aga und seine Begleiter

Eine Odaliske (Haremsdame) vor WienEine Odaliske (Haremsdame) vor Wien

Einige Begriffserklärungen

Alaybeyi: (türk.) Oberst

Balyemez: (türk.) Eine Scharmetze, das schwerste Belagerungsgeschütz überhaupt, z. B. die Kanone „ Greiff“ auf der Festung Ehrenbreitstein

Bastei: Veraltete Bezeichnung für ein Rondell mit U-förmigem Grundriss. Im süddeutschen Raum wird mit Bastei auch eine Bastion bezeichnet.

Beylerbeyi: (türk.) „Herr der Herren“, hoher Verwaltungstitel

Bombe: Die Bombe ist der historischen Handgranate ähnlich in Bau und Füllung, jedoch viel größer. Es gab schon Bomben mit primitiven Zeitzündern. Man denke an den Molotow-Brandsatz. Ins Ziel gebracht wurden sie auch mit Katapulten. Man kann diese Bomben als Vorgänger der Artilleriegranaten ansehen.

Glacis: Erdanschüttung vor dem Graben, die zum Feind so abfällt, dass kein toter Winkel entsteht.

Graben: Erdvertiefung vor dem eigentlichen Festungswerk,. Der Graben kann nass (mit Wasser) oder trocken ausgeführt werden.

Granate: Die historischen Handgranaten wurden meist aus Metall, Glas oder Keramik gefertigt. Sie enthielten Gifte, Säuren, brennbare Stoffe oder Schwarzpulver.

Kaponniere: „Grabenwehr“ oder „Grabenkoffer“. Frei im Graben stehendes oder an den Hauptwall angelehntes Werk, von wo aus in zwei Richtungen der Graben unter Feuer genommen werden kann.

Kartaune: Oberbegriff einer Geschützart, deren Bezeichnung italienisch „quartana bombarda“ = Viertelgeschütz lautet. Im Allgemeinen betrug das Geschossgewicht der Kartaune ein Viertel dessen der Hauptbüchsenkugel mit 100 Pfund. Die Geschoßgewichte betrugen 12 bis 20 Kilogramm. Masse und Gewichte waren jedoch damals nie einheitlich.

Kavalier: Geschützstellung, welche die benachbarten Werke deutlich überragt.

Kolumbrine: Kleine Geschütze mit einem Geschossgewicht von zirka fünf Kilogramm.

Kontrescarp: Einer oder mehrere Gänge von der Festung in Feindrichtung. Von ihnen zweigen die Minengänge mit den Sprengladungen ab.

Künette: Eingetiefter Abzugsgraben in einem trockenen Wehrgraben; in einem nassen Graben tiefer liegendes zweites Hindernis.

Kurtine: Der Wallabschnitt zwischen zwei Bastionen oder anderen Werken.

Mine: Im Belagerungskampf in Tunneln (Minengängen) gelegte Ladungen mit 500 bis 1.000 kg Schwarzpulver, die eingemauert wurden. Ziel war die Zerstörung von Festungswerken. Die größte Mine vor Wien hatte eine Ladung von zirka 6.000 kg.

Minenanlage: Mehrere Kontereskarpen.

Palisade: Dichte Reihe aus angespitzten, in die Erde gerammten Holzstämmen mit der Funktion eines Walles.

Raketen: Zu der besprochenen Zeit gab es schon Raketen mit dreistufigen Antriebssystemen, einem Schwarzpulvergefechtskopf und einem pyrotechnischen Zündsystem. Raketen wurde auch als Signalmittel eingesetzt.

Ravelin: Im Graben vor einer Kurtine errichtetes und selbstständiges Werk mit drei oder fünfeckigem Grundriss, das niedriger ist als die benachbarten Bastionen.

Rumelinen: Menschen aus der Region des antiken Thrakien und Makedonien.

Sahi: Sahi oder Shahi ist ein Klan der Jat (Sikhs und Moslems), Raiputs und arischen Moslems aus dem indisch-pakistanischen Grenzgebiet. Diese Hilfstruppen brachten ihre eigenen Sahi-Kanonen (4 – 6 kg) mit.

Weg: Gedeckter, getarnter, manchmal auch geschützter Gang im Graben.

Quellen

  •  „Flucht und Zuflucht“, Tagebuch des Priesters Balthasar Kleinschroth, Wien, 1683
  • „Kara Mustafa vor Wien“, Karl Teply, Wien, 1982
  • „Doppeladler und Halbmond“, Thomas M. Barker, Wien, 1982
  • „Theatri Europaei continuati Zwölffter Theil“, Matthaeus Merian, Frankfurt, 1691
  • „Wörterbuch der Burgen, Schlösser und Festungen“, Barbara Schock-Werner, Stuttgart, 2004
  • „Deutsche Wehrbauarchitektur vom XV. bis XX. Jahrhundert“, Hartwig Neumann, Augsburg, 2000
  • „Das Kreuz und der Halbmond“, Klaus-Peter Matschke, Düsseldorf, 2004

Dr. Lothar Schimmelpfennig
im Juli 2013

Tagged , , , , . Bookmark the permalink.

Comments are closed.