Johann Adam Schall von Bell Jesuit und Feuerwerker

Titel: Johann Adam Schall von Bell Jesuit und Feuerwerker
Autor: Dr. Lothar Schimmelpfennig
Inhalt: Der Artikel handelt von Johann Adam Schall von Bell und seinem Wirken (1592-1666).
Seiten: 10
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Johann Adam Schall von Bell
(geb. 1592 in Köln, gest. 1666 in Peking)
Jesuit und Feuerwerker

Adam Schall von BellAdam Schall von Bell in Ornat des Mandarins

Johann Adam Schall von Bell hatte im 17. Jahrhundert als Berater am chinesischen Kaiserhof eine Stellung inne, die ihm in der Geschichte des „Reiches der Mitte“ einen für einen Europäer bis heute einzigartigen Einfluss sicherte. Dass er sich in außergewöhnlicher und in seiner Zeit durchaus umstrittner Weise chinesischer Lebensart und Weltanschauung anzupassen vermochte, stellt ihn als bedeutenden Vertreter der Jesuitenmission in eine Reihe mit Mattheo Ricci (1552 – 1610) und dem Flamen Ferdinand Verbiest (1623 – 1688).

Mattheo Ricciuswv.l.n.r.: Mattheo Ricci, Adam Schall von Bell, Ferdinand Verbiest

Er war der Mandarin des Kaisers, ein Mandarin 1. Klasse! Sein chinesischer Name war
T’ang Jo-wang.
„Die Geheimnisse des Himmels ergründender Lehrer.“

Johann Adam Schall von Bell wurde am 1. Mai 1592 wahrscheinlich in Köln geboren, wo die Familie ein Stadthaus unterhielt. Das Rittergeschlecht Schall von Bell war seit der Mitte des
16. Jahrhunderts in der Unterherrschaft Lüftelberg (damals kurkölnische Herrlichkeit, heute Stadt Meckenheim) sesshaft. Aus der vierten Ehe seines fünfmal verheirateten Vaters Heinrich Degenhardt Freiherr Schall von Bell (gestorben ca. 1607) mit Maria Scheiffarth von Merode gingen drei Söhne hervor. Der älteste, Johann Reinhardt (1590 – 1660), der 1619 in das Hildesheimer Domkapitel aufgenommen wurde, überließ dem jüngsten Bruder Heinrich Degenhardt die Unterherrschaft. Als Amtmann von Rheinbach sollte dieser während der Hexenprozesse in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts eine umstrittene Rolle spielen. Der zweitgeborene, Johann Adam, befand sich zu dieser Zeit bereits auf dem Seeweg nach China.

Mit seinen Brüdern hat er wohl nach erstem Privatunterricht ab 1603 das Tricoronatum (Dreikönigsgymnasium), das Gymnasium der Jesuiten in Köln besucht. Die Entscheidung, mit noch nicht siebzehn Jahren sich 1607 in Rom zu bewerben, um dort am Collegium Germanicum in erster Linie Mathematik und Astronomie zu studieren, könnte mit dem Ausbruch der Pest in Köln in Zusammenhang stehen. Jedenfalls schickten ihn seine Eltern alsbald nach Rom, obwohl die Bewerbung wegen des noch jugendlichen Alters Adams zurückgewiesen wurde. Aufgrund der Fürsprache des Kölner Koadjutors Ferdinand von Bayern wurde ihm die Aufnahme gewährt.

Am Germanicum studierte er Mathematik, Astronomie und Theologie. 1611 trat er in den Jesuitenorden ein und wechselte nach dem Noviziat 1613 an das Collegio Romano. Nach weiteren Studien in allen drei Disziplinen wurde er 1617 zum Priester geweiht.

Aufbruch nach Asien

Die Berichte der Jesuitenmissionare Matteo Ricci und Nicolas Trigault begeisterten ihn. Er wollte in Asien tätig werden. Am 17. April 1618 trat unter der Leitung von Prokurator Trigault von Lissabon eine Gruppe Jesuiten die Reise nach China an. Dort unterhielt der Orden in Peking eine Missionsniederlassung. Zu dieser Gruppe gehörten der Galileo-Schüler Johann Schreck (latinisiert: Johannes Terrentius), der Mathematiker Giacomo Rho und der Astronom Adam Schall. Am 22. Juli 1619 erreichte die Gruppe nach einem Zwischenaufenthalt in Goa, die kleine portugiesische Kolonie Macao gegenüber der Küstenstation Kanton. Der Aufenthalt dauerte vier Jahre, weil in Peking die jesuitischen Missionare gerade vom chinesischen Hof vertrieben worden waren. Den Aufenthalt in Macao nutzte die Gruppe zum Erlernen der chinesischen Sprache. Adam Schall erlernte darüber hinaus die Kampfkunst Kung-Fu.

Am 24. Juni 1622 geriet die Gruppe in eine kolonialistische Auseinandersetzung. Über Nacht hatte eine niederländische Flotte aus fünfzehn Karavellen und Hulkern die schmale Halbinsel belagert, um Macao zu erobern. Schon zu Beginn der Kampfhandlungen gelang es dem portugiesischem Kommandeur Lopo Sarmento de Carvalho, das niederländische Landungskommando unter der Führung des Admirals Reijersen zurückzuschlagen. Der Admiral (gleichzeitig Kommandeur der gesamten Flotte) kam ums Leben.

Während dieses ersten Sturms erzielten die Portugiesen von der Burg aus einen Volltreffer auf der größten Karavelle, dem Flaggschiff der Niederländer. Das Flaggschiff sank.

Inzwischen war es mehreren niederländischen Hulkern gelungen, um die Halbinsel herum von Süden zu landen. Die feindlichen Infanteristen marschierten auf den Vorplatz des Domes San Lázaro. Dort legten sie Körbe mit Kugeln, Ersatzteile, Schwarzpulverfässer und Kartätschen ab zur späteren Belagerung der Festung. Die auf dem Guia Fort stationierten Geschütze waren nach Norden auf die See ausgerichtet und konnten nicht bewegt werden. Jedoch befanden sich auf der Zitadelle noch vier alte bemooste Bronzekanonen. Der einzige Soldat auf der Zitadelle war der Leutnant Luis Teixera. Ihm zur Seite standen die vier Jesuiten. Die Missionare verfügten über hinreichende militärische Kenntnisse und setzten die Geschütze wieder in Gang. Der vierte Schuss war ein Volltreffer in die niederländische Bereitstellung von Munition und Schwarzpulver mit verheerenden Folgen für die Angreifer. Man zählte über zweihundert Tote und Verletzte. Bei der folgenden Flucht der Angreifer nahm Adam Schall von Bell persönlich den kommandierenden Hauptmann gefangen (Kung-Fu?). Die Niederländer waren geschlagen. Macao blieb portugiesisch. Als Anerkennung für den Sieg übersandten die kantonesischen Pachtherren ihre Glückwünsche sowie fünftausend Scheffel polierten Reis.

Dieser militärische Vorfall wurde in Peking bekannt. Man war an den fachkundigen Jesuiten sehr interessiert. 1623 konnte sich die jesuitische Gruppe in Peking niederlassen.

In China

Ein sicherlich fragwürdiges Unternehmen der Jesuiten soll hier nicht unerwähnt bleiben. Wahrscheinlich 1622 kaufte der Pekinger Kaiserhof bei den Gouverneuren von Macao dreißig Kanonen. Diese waren Beutestücke aus einem gestrandeten englischen Schiff und in Manchester hergestellt worden. Die Jesuiten entwickelten den Plan, für den Kanonentransport Missionare, die als Soldaten verkleidet waren, so heimlich und getarnt nach Peking zu schleusen. Die Kantoner Behörden, die Peking nicht wohl gesonnen waren, hielten den Transport auf. Das Transportkommando (insgesamt 100 Mann) wurde verhaftet, öffentlich verprügelt und in Ketten samt den Kanonen nach Macao zurückgeschickt. Umso interessanter wurde damit die Einreise der Jesuiten für den Pekinger Hof.

Adam Schall von Bell AZAdam Schall von Bell in seinem Arbeitszimmer in Peking

Bis 1640 hatte Adam Schall die „de re metallica“ von Georg Bauer (der berühmte „Agricola“), dem deutschen Begründer der Mineralogie, die lateinische Schrift „Alle Gerätschaften zum Werfen, Schleudern und Gießen von Geschossen“ sowie das aus seiner Heimat stammende Handbuch über „Allerlei Techniken zum Einbringen geschmelzter Metalle in Formen“ ins Chinesische übersetzt und dem Pekinger Hof zur Verfügung gestellt.

Der Vorfall in Macao und diese schriftlich bewiesene Fachkunde führte 1642 zu einer besonderen Einladung an den Pekinger Hof:

„Der hochwürdige T’ang Jo-wang, der sich auf die Militärkunde versteht, komme morgen zur Doppelstunde des Pferdes ins Ministerium der Waffen am Tausend-Schritte-Korridor.
Hochachtungsvolle Grüße, Der Minister der Waffen.“

Vor vielen Jahren hatte der verstorbene Kriegsminister Leo Li Adam Schall gebeten, als Militärberater aufzutreten. Schall hatte dies damals entschieden abgelehnt. Nun hatte sich aber die Situation verändert. Der Kriegsminister Leo Li gehörte damals zu dem mandschurischen Herrscherhaus. Nun hatten die Chinesen die Macht. Adam Schalls damalige Reise an den Mukdener Hof der Mandschu – von seinen jesuitischen Oberen befohlen – wurde ihm als Landesverrat ausgelegt. Das war eine Todesdrohung. Der von den Chinsesen erwünschte Technologietransfer unter dem Motto „Wir gaben Euch das Pulver, Ihr gebt uns die Kanonen“ war reine Erpressung.

Adam Schall von Bell muß gespürt haben, wie ihn sein Gott in die vorderste Front des Gehorsams schob. Der Papst und der Orden erwarteten von ihm als Priester das Missionieren um jeden Preis; der chinesische Kaiser erwartete von ihm Treue um den Preis seines eigenen Lebens; seine Gemeinde erwartete von ihm die Gewährleistung ihres Schutzes. Zudem kursierte das boshafte Traktätchen Das Doppelgesicht der Gesellschaft Jesu. Dessen Attacken gipfelten in dem Vorwurf, es sei das Wesen der Jesuiten, ihr apostolisches Wirken hinter tausend , den Situationen opportunen Masken zu verbergen. Adam Schall hat wohl erkannt, dass ihm einzig und allein die Maske des Opportunisten das Leben retten würde. Die bessere Maske siegte in diesem Spiel. Für Adam Schall war die (chinesische) Doppelstunde der Wahrheit gekommen.

Die Kanonen

Gefordert wurden zu Anfang wohl einhundert 80-Pfünder-Kanonen (Kaliber 21,3 cm). Adam Schall hielt die Herstellung von Kanonen mit einem so großen Kaliber für nicht machbar. So einigte man sich wohl auf 40-Pfünder-Kanonen (Kaliber 16,9 cm). Gesichert ist, dass zwanzig Kanonen mit diesem Kaliber unter der Leitung Adam Schalls hergestellt wurden. Schwierigkeiten bereitete die Steuerung der Schmelzofenhitze, die Beschaffung von Kaolin, das nicht nur für die Porzellanherstellung eine große Bedeutung hatte, sowie die Herstellung von Holzkohle in hoher Reinheit. Im Jahr 1644, nach 18 Monaten, war es soweit. Das erste Probeschießen mit fünf Geschützen verlief erfolgreich. Nur eine Lafette zerbrach. Die Reichweite der Kanonen betrug ein Li, was 444 Meter bedeutet. Ob unter seiner Leitung weitere 500 kleinere Kanonen gebaut wurden, ist zweifelhaft. Eher ist anzunehmen, dass diese Aufgabe die von ihm ausgebildeten chinesischen Handwerker unter der Führung des Oberaufsehers der Gießstätte Han Dao-go übernahmen.

 Jesuiten-Kanoneeine „Jesuiten-Kanone“ des Adam Schall von Bell

Weiteres aus dem Leben des Adam Schall

Sehr bedeutend ist seine Reform des chinesischen Kalenders, der bis 1912 seine Gültigkeit behielt. Seine Berechnungen über bevorstehende Sonnen- und Mondfinsternisse waren den chinesischen und arabischen weit überlegen. Er konstruierte das erste Galileische Fernrohr in China und verfasste ein Traktat über die Bedeutung des Fernrohrs für die Astronomie und militärische Operationen. In seinen mathematisch-astronomischen Veröffentlichungen folgte er zwar noch dem Weltbild des Tycho Brahe: Sonne und Mond kreisen um die Erde, die Planeten um die Sonne. Dies jedoch war die Zeit, als Galilei vom Vatikan bedroht wurde. Sicherlich folgte Schall den Vorstellungen des Kopernikus, was zu der Zeit aber noch lebensgefährlich war. Dafür spricht auch, dass Schall von Peking aus in Kontakt mit dem protestantischen Astronomen Johannes Kepler stand. Dieser sandte ihm Tabellenwerke (Rudolfinische Tafeln), um dessen Kalenderarbeit zu unterstützen. Also verstand Schall die Keplerschen Gesetze, die unser heutiges astronomisches Weltbild beschreiben und ohne die Raumfahrt nicht möglich wäre.

Schall’sche ObservatoriumDas Schall’sche Observatorium in Peking. Es existiert noch heute!

heuteSo sieht es heute aus!

Er war ab 1644 Direktor des Astronomischen Amtes des chinesischen Kaisers. Zwischen 1651 und 1661 war er einer der wichtigsten Berater des ersten Manschu-Kaisers Shunzhi, dem, 1644 als Kind auf den Thron gekommen, Schall ein väterlicher Lehrer gewesen war.

verbesserter JakobsstabEin verbesserter Jakobsstab des Adam Schall von Bell.
Diese Zeichnung stammt aus einem Buch, welches Schall von Bell ins Chinesische übersetzte.

astronomische WerkzeugEin weiteres astronomische Werkzeug aus seiner Hand.

Kaiser Shunzhi beförderte Schall 1658 sogar zum Mandarin 1. Klasse.

1664 erlitt Schall einen Schlaganfall, dessen Folgen sein Sprechvermögen einschränkten. Dies nutzten Gegner bei Hof, um ihn zu beschuldigen, seinerzeit den Tod des Herrschers Shunzi provoziert zu haben: er habe absichtlich Ort und Zeit der Beerdigung eines Sohnes von Shunzi falsch berechnet. Shunzhi selber war sehr wahrscheinlich stark drogen- und alkoholabhängig. Die Anklage, die auch andere Jesuiten betraf, lautete auf Hochverrat, auf Zugehörigkeit zu einer mit der rechten Ordnung unvereinbaren Religionsgemeinschaft und auf Verbreitung falscher astronomischer Lehren. Schall wurde über den Winter 1664/65 eingekerkert. Nicht angeklagte Jesuiten wurden nach Kanton ausgewiesen.

Am 15. April 1665 wurde Schall nach einem Schauprozeß für schuldig befunden.

Er hatte sich wegen seiner Behinderung von seinem inzwischen in Peking tätigen Mitbruder Ferdinand Verbiest verteidigen lassen müssen. Für die Strafzumessung war das Justizministerium zuständig. Hier entschied man mit Billigung des kaiserlichen Regenten auf die grausamste Todesstrafe, die das Strafrecht vorsah: Zerstückelung bei vollem Bewusstsein. Doch als sich kurz vor dem Vollstreckungstermin ein heftiges Erdbeben ereignete, wurde dies von den Richtern als göttliche Antwort und als Beweis für Schalls Unschuld interpretiert.

Am 15. Mai 1665 wurde Schall auf Veranlassung des neuen Kaisers Kangxi aus der Haft entlassen. Er starb in der Jesuiten-Mission in Peking am 15. August 1666 im Alter von 74 Jahren. Er wurde posthum vom Kaiser vollständig rehabilitiert. Sein Grabstein befindet sich heute auf dem Campusgelände des Beijing Administrative College in Peking, direkt neben dem Grabstein des jesuitischen Mitbruders Matteo Ricci.

Einordnung

Schalls Bedeutung wird vordergründig mit der Aussage unterlegt, er sei in der Geschichte der chinesischen Kaiserzeit der höchstrangige Ausländer am Hof gewesen. Für die historische Sicht maßgeblicher ist jedoch: Schall und die Jesuitengruppe insgesamt repräsentieren die Kontakte, die in damaligen Bildungsschichten das Chinabild in Europa und das Europabild in China von gegenseitigen Vorurteilen abrücken helfen.

Die Jesuiten waren um der Mission willen aufgebrochen. Sie stellten dazu auch strategische Pläne auf, wie man als Missionar in Anpassung an die im Gastland vorherrschenden Sitten aufzutreten habe, welche Bevölkerungsschicht für eine Berührung mit christlichen Gedanken besonders empfänglich sein könnte, welche Assimilation man mit asiatischen Weltanschauungen eingehen könne. Erfolge und Misserfolge sind hier schwer zu bewerten. Kaiser Shunzhi persönlich nahm wohl von Adam Schall viel Wissen über das Christentum auf, ließ sich aber nicht taufen. Daß die chinesische Distanz gegenüber Fremden eine maßgebliche Größe blieb, zeigt die politisch-juristische Behandlung, die Schall erfuhr, nachdem der Kaiser, in dessen Gunst er stand, gestorben war.

Hinweise

Aus der Belletristik zu empfehlen sind die Bücher Im Schatten des Himmels von Uli Franz und Der Mandarin des Himmels von Wilhelm Hünermann.

Einige der Schallschen Kanonen stehen noch im Palast des Himmlischen Friedens. Sein astronomisches Labor ist dort ebenfalls erhalten. Mit seinen Instrumenten werden immer noch Messungen vorgenommen.

Die Adam-Schall-von-Bell-Gesellschaft in Lüftelberg lädt Interessierte zum Kontakt ein. Dort wurde im 14. September 2013 ein sehr schönes bronzenes Denkmal eingeweiht.

Bell-DenkmalAdam-Schall-von Bell-Denkmal
Minoritenkirche in Köln

Denkmal in Lüftelbergsein Denkmal in Lüftelberg
Photo: Marlies Sawinsky

T’ang Jo-wangT’ang Jo-wang
Photo: Marlies Sawinsky

Dr. Lothar Schimmelpfennig
im Juli 2012

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